Wir leben in einer Welt voller Körperbilder. Schlank, drahtig, muskulös, straff, trainiert – je nach Zeit verändert sich das Ideal, aber irgendein Ideal gibt es fast immer. Und gerade durch Social Media wird dieser Vergleich noch einmal enorm verstärkt. Du siehst einen Körper und fragst dich: Warum sehe ich nicht so aus? Warum funktioniert dieses Training bei mir nicht? Warum brauche ich mehr Ruhe? Warum reagiert mein Körper anders? Im Human Design eröffnet der Unterschied zwischen aktivem und passivem Körper eine ganz andere Perspektive auf genau diese Fragen. Ein passiver Körper funktioniert anders als ein aktiver Körper. Und damit beginnt für mich auch hier wieder das eigentliche Human Design Experiment: weg vom Vergleich und hin zur Beobachtung des eigenen Körpers.
Ich selbst habe einen passiven Körper und habe lange versucht, ihn nach Vorstellungen zu behandeln, die gar nicht zu ihm passen. Gleichzeitig habe ich über die Jahre sehr viel beobachtet – bei mir und bei anderen Menschen. Gerade beim Thema Sport sehe ich häufig, wie stark Menschen aus Konzepten heraus trainieren: Was sollte man machen? Wie oft sollte man trainieren? Welche Sportart formt den Körper am besten? Welche Bewegung gilt gerade als gesund oder optimal? Dabei sagt ein passiver Körper überhaupt nicht automatisch: keine Bewegung. Es gibt keinen Trainingsplan für alle passiven Körper. Ein manifestierender Generator mit passivem Körper kann vollkommen anders unterwegs sein als eine Projektorin mit offenem Sakral und passivem Körper.
Mein Bruder ist dafür ein gutes Beispiel. Er ist manifestierender Generator, viermal rechts und hat einen passiven Körper. Gleichzeitig bringt sein gesamtes Design viel Energie und Bewegung mit. Beruflich läuft er teilweise acht oder neun Stunden am Tag und fährt anschließend mit dem Fahrrad nach Hause. Für seinen Körper kann das vollkommen passen. Ich bin Projektorin mit offenem Sakral und passivem Körper. Bei mir sieht dieselbe Variable völlig anders aus. Ich brauche sehr viel mehr Ruhe und nehme inzwischen ziemlich schnell wahr, wenn körperlich etwas zu viel wird. Genau deshalb bleibt Strategie und Autorität wichtiger als jede allgemeine Aussage darüber, wie ein passiver Körper leben sollte.
Früher hatte ich diese Wahrnehmung noch nicht. Ich hatte 15 Jahre einen Hund und bin in dieser Zeit wahrscheinlich sehr viel mehr gelaufen, als mein Körper tatsächlich tragen wollte. Auch Bewegung und Sport waren lange mit Vorstellungen darüber verbunden, was man eben tun sollte. Heute frage ich nicht mehr: Was steht auf meinem Trainingsplan? Ich beobachte meinen Körper von Tag zu Tag. Möchte ich Yoga machen? Möchte ich spazieren gehen? Möchte ich eine halbe Stunde wandern? Braucht mein Körper Ruhe? Dann lege ich mich hin. Für mich ist das mittlerweile sehr viel präziser als jedes Programm, das mir vorgibt, dreimal pro Woche eine bestimmte Leistung zu erbringen.
Ein schönes Beispiel dafür ist Yin Yoga. Vor etwa anderthalb Jahren war mein Körper unglaublich stark damit in Resonanz. Schon nach den ersten Wochen hatte ich die Wahrnehmung: Das wollte mein Körper wahrscheinlich schon sehr lange. Ich konnte beobachten, wie er sich öffnete und wie gut mir diese sehr ruhige Form der Bewegung tat. Mein Verstand machte daraus natürlich sofort eine Zukunftsgeschichte: Super, dann machen wir jetzt für immer Yin Yoga. Einige Zeit später begann mein Körper allerdings etwas völlig anderes zu verlangen. Noch mehr Öffnung und noch mehr Passivität passten plötzlich nicht mehr. Ich nahm einen deutlichen Zug hin zu aktiverem Yoga und mehr Spannung wahr. Genau daran sieht man für mich, warum auch „passiver Körper“ nie zu einem neuen starren Konzept werden darf.
Dasselbe gilt für Ernährung. Ein passiver Körper kann weniger Input brauchen, aber „weniger“ lässt sich nicht in eine allgemeine Kalorientabelle übersetzen. Mein Bedarf verändert sich. Es gibt Tage, an denen mein Körper mehr Nahrung möchte, und Tage, an denen er deutlich weniger verlangt. Auch hier entscheidet nicht die Variable allein. Typ, Energie, Alltag und das gesamte Design spielen mit hinein. Je länger ich meinen Körper beobachte, desto deutlicher nehme ich wahr, wann Nahrung tatsächlich gefragt ist und wann mein Verstand lediglich ein Konzept abarbeitet. Gerade deshalb finde ich auch Human Design Ernährung mit Strategie und Autorität so wichtig: Aus PHS sollte nicht das nächste Regelwerk darüber werden, wie viel oder was ein Körper essen muss.
Social Media war für mich in diesem Zusammenhang ebenfalls ein riesiger Faktor. Seit ich dort kaum noch unterwegs bin, nehme ich den Unterschied sehr deutlich wahr. Sobald ich wieder länger durch Inhalte scrolle, wird mein Verstand lauter. Vielleicht müsste ich dies noch tun. Vielleicht sollte ich so trainieren. Vielleicht wäre dieses Ernährungskonzept besser. Gerade Körper- und Schönheitsideale können dadurch sehr schnell wieder zum äußeren Maßstab werden. Für mich war deshalb irgendwann spannend zu beobachten: Was bleibt eigentlich übrig, wenn diese ganze Lautstärke von außen einmal wegfällt? Welche Bewegung möchte mein Körper wirklich? Wie möchte ich tatsächlich essen? Wie viel Ruhe brauche ich?
Der schmerzhafte Teil beginnt dort, wo ein passiver Körper über Jahre wie ein aktiver behandelt wird. Dann kann ein Hamsterrad entstehen: härter trainieren, Essen stärker kontrollieren, sich mit anderen vergleichen und sich gleichzeitig fragen, warum der eigene Körper trotzdem anders reagiert. Ich kenne diese Gedanken selbst. Warum bin ich keine Sportmaus? Warum sieht mein Körper nicht so aus? Warum brauche ich andere Bewegung? Und irgendwann entsteht daraus vielleicht die Vorstellung, man sei undiszipliniert oder müsse einfach noch mehr machen. Für mich wurde es erst entspannter, als ich aufgehört habe, permanent gegen meinen Körper zu arbeiten und begonnen habe, seine eigene Mechanik ernst zu nehmen.
Interessanterweise hat sich dadurch auch meine Beziehung zu meinem Körper verändert. Je mehr ich Strategie und Autorität gelebt habe, desto mehr hat sich mein Körper für mich ausdifferenziert. Heute sehe ich ihn anders als früher. Ich weiß, dass er nicht wie ein aktiver, drahtiger Körper aussehen muss. Ich nehme wahr, dass er besser funktioniert, wenn ich ihm tatsächlich folge. Und genau daraus ist für mich etwas entstanden, das viel tiefer geht als klassische Selbstoptimierung. Man sieht irgendwann den eigenen Körper. Man sieht die eigene Energie. Man erkennt, dass Anderssein kein Fehler ist.
Gerade deshalb finde ich ständige Selbstoptimierung in diesem Zusammenhang so interessant. Wenn wir versuchen, einen Körper in ein allgemeines Ideal hineinzutrainieren, verlieren wir sehr schnell den Kontakt zu dem, was tatsächlich vor uns steht. Echte Selbstannahme entsteht für mich nicht dadurch, dass ich morgens vor dem Spiegel bestimmte Sätze wiederhole. Sie entsteht darüber, dass ich meinen Körper immer genauer kennenlerne und erlebe, dass ich ihm vertrauen kann. Was will er heute? Wie viel Bewegung passt? Wann ist genug? Welche Nahrung ist gerade korrekt? Wo mache ich etwas nur deshalb, weil irgendein Plan oder Ideal es vorgibt?
Genau darin liegt für mich inzwischen die Schönheit eines passiven Körpers. Ich muss ihn nicht aktiv machen. Ich muss ihn auch nicht in ein neues Konzept von Passivität pressen. Ich darf beobachten, was er heute braucht. Manchmal ist das Ruhe. Manchmal Bewegung. Manchmal Yin Yoga. Manchmal deutlich mehr Spannung. Und je feiner diese Wahrnehmung wird, desto uninteressanter wird irgendwann der Vergleich mit dem Körper eines anderen Menschen. Der eigene Körper beginnt, sich selbst zu erklären.
Du möchtest das Thema lieber hören?
In der Podcastfolge „#33 Was passiert, wenn du mit einem passiven Körper versuchst, wie ein aktiver Körper zu leben?“ spreche ich darüber, wie stark Körperideale, Trainingskonzepte und Ernährungsvorgaben unsere Wahrnehmung beeinflussen können und wie sich mein eigener Umgang mit einem passiven Körper über die Jahre verändert hat.
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P.S. Wenn du deine eigene Körpermechanik und Ernährungsstrategie genauer kennenlernen möchtest, begleite ich dich in meiner Human Design Ernährungsbegleitung dabei, dein eigenes Experiment aufzubauen und deinen Körper präziser wahrzunehmen.