Die Human Design Ernährungsstrategie 1 heißt Appetit. In ihrer links fixierten Variante gehört sie zu einem aktiven Körper und beschreibt eine sehr einfache Form der Nahrungsaufnahme: eins nach dem anderen. Einzelne Lebensmittel, möglichst unvermischt, möglichst wenig verarbeitet. Eine Kartoffel ist eine Kartoffel, ein Apfel ein Apfel. Sobald mehrere Zutaten miteinander verarbeitet werden, verändert sich dieses Prinzip bereits. Auch Gewürze und Salz spielen dabei eine Rolle. Was auf dem Papier zunächst ziemlich simpel klingt, kann im eigenen Experiment sehr viel tiefer gehen.
Genau deshalb wollte ich für meinen Podcast Human Design Leben einmal mit jemandem darüber sprechen, der diese Ernährungsstrategie tatsächlich lebt. Franziska hat Appetit links und experimentiert inzwischen seit längerer Zeit sehr konsequent damit. Ich habe sie gefragt, wie sie überhaupt angefangen hat, wie ihre Ernährung vorher aussah, was sich während der Umstellung verändert hat, wo sie an Grenzen gestoßen ist und was mit der Zeit nicht nur mit ihrem Essen, sondern auch mit ihrer Körperwahrnehmung und ihrem restlichen Leben passiert ist.
Das Spannende an ihrer Geschichte ist, dass sich manches rückblickend schon sehr früh gezeigt hat. Franziska ist ländlich aufgewachsen, ihre Eltern hatten einen eigenen Garten und sogar Ziegen. Sie konnte einfach in den Garten gehen, eine Karotte herausziehen oder einen Apfel essen. Gleichzeitig gab es natürlich auch gekochtes und gebackenes Essen. Rückblickend erkennt sie heute trotzdem, dass dieses sehr einfache, naturbelassene Essen schon früh etwas war, das ihr entgegenkam. Dazu kommt bei ihr die Kognition Geschmack. Sie war schon als Kind ziemlich selektiv und hat Dinge aussortiert, die für sie nicht gepasst haben.
Was ich an ihrem Experiment besonders interessant finde: Sie hat ihre Ernährungsstrategie schon viele Jahre gekannt, bevor sie sie wirklich umgesetzt hat. Bereits 2006 hatte ihr jemand von ihrer Ernährung erzählt. Sie konnte damit damals überhaupt nichts anfangen. Erst 2023 kam das Thema wieder wirklich in ihr Leben und sie hatte ein Ernährungsreading. Auch danach hat sie nicht sofort alles umgestellt. Sie hat erst einmal angefangen, herumzuprobieren. Brot war noch dabei, Wurst war noch dabei, Gewürze waren noch dabei. Irgendwann kam dann der Impuls, wirklich konsequent in das Experiment hineinzugehen. Zwischen dem Reading und der vollständigen Umstellung lagen ungefähr eineinhalb Jahre. Genau das finde ich so wichtig. Ein Ernährungsexperiment hat sein eigenes Timing. Der Körper muss dafür bereit sein.
Gerade am Anfang wird sichtbar, wie schnell der Verstand versucht, aus Human Design wieder ein Ernährungskonzept zu machen. Franziska hatte zum Beispiel beim Thema Salz sofort diesen Gedanken: Man braucht doch Salz. Gleichzeitig hat sie immer wieder ausprobiert, wie ihr Körper darauf reagiert. Irgendwann wurde deutlicher, dass ihr Körper selbst Rückmeldung gibt. Das Gleiche hat sie mit einzelnen Lebensmitteln erlebt. Eine Zeit lang hat sie sehr häufig Süßkartoffeln gegessen. Ihr Kopf war überzeugt, dass das passt. Ihr Körper hat über die Verdauung längst etwas anderes signalisiert. Erst nach und nach konnte sie die Verbindung herstellen. Genau da beginnt für mich das eigentliche Experiment: beobachten, ausprobieren, körperliche Rückmeldung wahrnehmen und wieder justieren. Auch vor ihrer bewussten Umstellung gab es bereits starke körperliche Reaktionen, die sie damals überhaupt nicht mit Ernährung in Verbindung gebracht hatte. Sehr gemischte Gerichte konnten bei ihr Bauchkrämpfe, Migräne und starke Übelkeit auslösen. Erst später konnte sie diese Erfahrungen neu einordnen. Im Laufe ihres Experiments wurden die Signale früher und eindeutiger.
Einer der eindrücklichsten Momente für sie kam nach der konsequenteren Umstellung. Sie beschreibt es so, als hätte ihr Gehirn plötzlich einen Gang höher geschaltet. Ihr Denken wurde klarer und strukturierter. Gleichzeitig entstand auch im Körper eine andere Form von Klarheit. Sie hatte vorher gar nicht realisiert, wie viel Nebel oder Dysfunktionalität sie als normal erlebt hatte. Erst als sich etwas veränderte, konnte sie den Unterschied überhaupt wahrnehmen. Bei Franziska spielt außerdem der aktive Körper hinein. Früher konnte sie sechs oder acht Stunden durcharbeiten, obwohl sie längst Hunger hatte. Sie hat das Signal wahrgenommen und ist trotzdem darüber hinweggegangen. Später kam dann teilweise starker Heißhunger, weil ihr Körper sich die fehlende Energie wieder holen wollte. Heute nimmt sie diese Signale früher wahr und reagiert anders darauf. Gerade daran sieht man auch, wie individuell Human Design Ernährung wird. Ein aktiver Körper bringt andere Bedürfnisse mit als ein passiver Körper, und selbst innerhalb derselben Ernährungsstrategie bleibt der Mensch individuell.
Die Umstellung war dabei nicht immer angenehm. Gerade der fehlende Geschmack von Salz, Gewürzen und verarbeitetem Essen war eine echte Veränderung. Franziska beschreibt eine Phase, in der sie in ihrer Küche stand, überall Essen hatte und trotzdem das Gefühl hatte, nichts davon essen zu wollen. Ihr Geschmack musste sich erst neu ausrichten. Auch unterwegs wurde das Experiment praktisch. Restaurantbesuche sind mit Appetit nicht unbedingt einfach. Auf einem Buffet bleiben vielleicht einzelne Früchte, Reis oder Gemüse. Sie hat deshalb oft eigenes Essen dabei. Am Anfang entstand daraus zeitweise sogar Stress, weil sie das Gefühl hatte, sie müsse für jede Situation vorbereitet sein. Mit der Zeit wurde auch das wieder entspannter. Sie hat gelernt, dass ein Experiment sich nicht perfekt organisieren lässt.
Für mich wird es besonders spannend an dem Punkt, an dem sich das Ernährungsexperiment in andere Lebensbereiche hineinbewegt. Franziska beschreibt, dass ihre Strategie und Autorität mit der Zeit noch klarer wurden. Sie begann irgendwann allein zu schlafen, weil sie merkte, dass das für ihren Körper stimmiger ist. Sie veränderte die Versorgung ihrer Pferde und gab Verantwortung ab, die sie viele Jahre selbst getragen hatte. Dinge, die lange selbstverständlich zu ihrem Leben gehört hatten, wurden plötzlich überprüfbar. Was passt noch? Was ist Gewohnheit? Was gehört wirklich zu mir? Sie verbindet diese Klarheit sehr stark damit, dass ihr Körper insgesamt anders funktionierte und sie sich selbst dadurch präziser wahrnehmen konnte. Genau deshalb ist Strategie und Autorität für mich auch bei PHS die Grundlage. Die Information über deine Ernährungsstrategie allein reicht nicht. Der Mind kann daraus sofort wieder Regeln machen, die man möglichst perfekt erfüllen möchte. Das Experiment entsteht darüber, dass der Körper mit einbezogen wird und dass du wahrnimmst, wann etwas wirklich passt und wann nicht mehr.
Franziska sagt heute selbst, dass sie froh war, während ihres Prozesses Menschen an ihrer Seite zu haben, bei denen sie Fragen stellen konnte. Gerade weil sich im Ernährungsexperiment so viel verändern kann und der Kopf aus einzelnen Informationen schnell eigene Geschichten baut, war diese Begleitung für sie hilfreich. Ihre Erfahrung zeigt für mich sehr schön, wie individuell dieser Prozess tatsächlich ist. Appetit ist viel mehr als die Information „Iss Lebensmittel einzeln“. Dahinter entsteht mit der Zeit eine immer feinere Wahrnehmung dafür, wann, wie und was der eigene Körper überhaupt aufnehmen möchte.
Und irgendwann wird aus einer Information im Chart etwas, das sich im Alltag tatsächlich beobachten lässt. Der Körper gibt Rückmeldung. Gewohnheiten verändern sich. Entscheidungen werden klarer. Manche Dinge funktionieren plötzlich nicht mehr. Andere werden ganz selbstverständlich. Genau deshalb liebe ich das Human Design Ernährungsexperiment so sehr. Es geht immer tiefer in die eigene Körperwahrnehmung hinein und wird mit der Zeit zu etwas, das man im eigenen Leben tatsächlich beobachten kann.
Du möchtest das Thema lieber hören?
In der Podcastfolge „#10 PHS: Ernährungsstrategie 1 – Appetit | Interview mit Franziska“ spreche ich darüber, wie sich die Ernährungsstrategie Appetit im echten Experiment zeigt.
P.S. Wenn du deine Human Design Ernährungsstrategie nicht nur kennen, sondern im eigenen Körper wirklich damit experimentieren möchtest, findest du hier meine Ernährungsbegleitung.